Technology OverviewSeilauswahl aus Seilsicht

Es gibt zwei Hauptkategorien, in die Kranseile aufgrund ihrer Anwendung unterteilt werden können:

  • Drehungsarme Seile, im Sprachgebrauch häufig auch als drehungsfreie Seile oder Litzenspiralseile benannt
  • Nicht drehungsfreie Seile

»Hubfunktion«

Als grundsätzliche Leitlinie zur Seilauswahl gilt:
Bei allen »Hubfunktionen«, gleichgültig ob Haupt- oder Hilfshubseil, kommen ausschließlich drehungsarme Seile zum Einsatz, wenn:

  • die zu hebende Last ungeführt ist (Abb. 75) und/oder
  • hohe Hubhöhen gefordert sind

Nur drehungsarme Drahtseile geben der Last die nötige Stabilität, sodass sich die Last nicht oder nur sehr wenig dreht. Darüber hinaus erzeugen drehungsarme Drahtseile, die an der Krankonstruktion befestigt sind, nur sehr geringe Drehmomente am Anschlagpunkt. Somit garantieren die drehungsarmen verope® Spezialdrahtseile ein sicheres Heben der Last und somit einen sicheren Kranbetrieb.

Die nach der Norm als »drehungsarm« bezeichneten Drahtseile unterscheiden sich deutlich in ihrer Konstruktion und damit in ihren Eigenschaften bezüglich der Drehungsfreiheit.

Um diese Unterschiede in der Drehungsfreiheit aufzuzeigen, wird eine Klassifizierung vorgenommen. So benennt beispielsweise die EN 12385-4 die Seilklasse »35×7«, welche drehungsarme Seile mit 3 Litzenlagen beschreibt, und die Seilklasse »18×7«, welche drehungsarme Seile mit 2 Litzenlagen beschreibt. Die Drehungsfreiheit beider Seilklassen, aber auch die Seilherstellkosten und damit die Preise für den Kunden, sind sehr unterschiedlich.

Ein weiteres Beispiel, die unterschiedliche Drehungsfreiheit aufzuzeigen, ist die Klassifizierung nach ASTM A 1023, welche drehungsarme Seile in 3 Kategorien aufteilt.
Die für Hubfunktionen gebräuchlichsten Kategorien sind »Kategorie 1« und »Kategorie 2«:

  • Kategorie 1: drehungsarme Seile mit mindestens 15 Außenlitzen bieten beste Eigenschaften in Bezug auf Drehungsfreiheit
  • Kategorie 2: drehungsarme Seile mit 10 oder mehr Außenlitzen

Zur Vergleichbarkeit beider Normen kann generell gesagt werden, dass Seile der Seilklasse »35×7« eine aus der Seilkonstruktion resultierende vergleichbare
Drehungsfreiheit aufweisen wie Seile der Kategorie 1 nach ASTM A1023. Ebenso lassen sich Seile der Seilklasse »18×7« mit denen der Kategorie 2 nach ASTM A1023 vergleichen. Für sehr anspruchsvolle Hubfunktionen sollten immer ausschließlich Seile der Seilklasse »35×7« bzw. »Kategorie 1« eingesetzt werden.

Bitte beachten: Seile der Seilklasse »35×7«/ Kategorie 1 sind immer durch gleichwertige Seile, niemals durch Seile der Seilklasse »18×7«/ Kategorie 2 zu ersetzen! Drehungsarme Seile der »Kategorie 2« bzw. Seilklasse »18×7« können hingegen aus technischer Sicht auch mit Seilen der in Bezug auf die Drehungsfreiheit höherwertigen »Kategorie 1« bzw.
Seilklasse »35 x7« ersetzt werden.

Hinweis: Neben den drehungsarmen Seilen, die nach nationalen oder internationalen
Standards hergestellt werden, gibt es viele andere drehungsarme Seilkonstruktionen, welche nicht nur Standardanforderungen, sondern deutlich höheren Anforderungen an die Drehungsfreiheit gerecht werden. Diese Seile sind echte Spezialseile, entwickelt für höchste Anforderungen in Bezug auf die Drehungsfreiheit, z.B. für höchste Hakenhöhen
modernster Krane. Um dem Anwender eine allgemeine Richtschnur zur Einordnung solcher Spezialdrahtseile an die Hand zu geben, werden auch für diese neben den herstellerspezifischen Produktnamen die oben erläuterten Normbezeichnungen genutzt, gleichwohl die Leistungsfähigkeit höher ist.

Wichtig: Wenn drehungsfreie Seile gefordert werden, dürfen diese nicht durch nicht-drehungsfreie Seile ersetzt werden.

Einsatz von Drallfänger/Wirbel bei Hubseilen

Unter bestimmten Umständen kann im Seiltrieb Drall auftreten. Der Einsatz eines Drallfängers kann sehr hilfreich sein, um diesen Drall abzubauen, z.B. dann, wenn Ablenkwinkel zwischen der Trommel und der ersten Seilscheibe oder zwischen den
Seilscheiben empfohlene Werte überschreiten. Bei Mehrfacheinscherungen kann der Drallfänger den Drall jedoch nicht in allen Seilsträngen gleichermaßen kompensieren. Hier erfolgt die Drallreduzierung vorzugsweise in den ersten Seilsträngen nach dem Drallfänger. Der Drallfänger reduziert das Risiko einer Verdrehung der Hakenflasche, aber auch von Seilschäden wie Korkenzieher oder Korbbildung, die zur Seilablage führen können. 

Bitte beachten Sie, dass nur Seile der »Kategorie 1« nach ASTM A1023 bzw. der Seilklasse »35×7« nach EN 12385-4 sowohl mit als auch ohne Drallfänger arbeiten dürfen. Für alle anderen drehungsarmen Seilkonstruktionen darf kein Drallfänger eingesetzt werden.

Weitere Informationen zum Einsatz eines Drallfängers finden Sie in der EN 12385-3 und in der ISO 21669.

verope’s® Sortiment drehungsarmer Seile

Die Produktpalette von verope® hinsichtlich drehungsarmer Seile besteht aus hochleistungsfähigen Spezialseilen: 

  • verotop P
  • verotop XP
  • verotop
  • verotop S
  • verotop E
  • sowie der 4-litzigen Konstruktion
  • vero 4

Außer dem 4-litzigen Seil vero 4 sind all unsere Seile drehungsarme Hochleistungsseile der Kategorie 1, die höchste Drehungsfreiheit bieten. Alle »-top« Seile von verope® können deshalb mit oder ohne Drallfänger verwendet werden.

vero 4 ist ein sehr robustes Seil, welches für härteste Arbeitsbedingungen und dynamische Belastungen, jedoch nicht auf Drehungsarmut ausgelegt wurde. Obwohl vero 4 zu den drehungsarmen Seilen gehört, darf es nicht mit einem Drallfänger arbeiten.

Die Grundregel ist, dass für die »Hubfunktion« drehungsarme Seile zu benutzen sind.
Auch hier gibt es Ausnahmen unter folgenden Voraussetzungen:

  1. Bei »Hubfunktion« mit geführter Last kann auch ein nicht drehungsfreies Seil verwendet werden, da die Lastverdrehung durch den Rahmen verhindert wird, der die Last führt (Abb. 76).
  2. Bei »Hubfunktion« mit ungeführter Last können auch nicht drehungsfreie Seile benutzt werden, wenn die gleiche Seilkonstruktion als Paar, bestehend aus rechtsgängigem und linksgängigem Seil, benutzt wird (Abb. 77). Diese Konfiguration bietet auch Drehstabilität, die Last hat also keine oder nur wenig Tendenz zur Verdrehung, da das Drehmoment, das unter Belastung entsteht, gleich groß ist, jedoch in entgegengesetzte Richtung wirkt; somit entsteht ein Drehmomentengleichgewicht.

The second configuration also provides rotational stability so the load has no or little tendency to rotate because the amount of torque generated under load is equal but in opposite directions: the result – torque equilibrium.

Wichtig: In Bezug auf die Biegewechselleistung sind drehungsfreie Seile den nicht-drehungsfreien Seilen deutlich unterlegen. Somit sollten nichtdrehungsfreie Seile nur unter äußerster Vorsicht durch drehungsfreie Seile ersetzt werden. Dies muss mit
einem Seilsachverständigen geklärt werden.

Abb. 76: Geführte Last (Quelle: VDI 2358)
Abb. 77: ungeführte Last, gehoben mit paarweise eingesetzten Seilen (rechts- und linksgängig, nicht drehungsfrei)

Weitere Kranseilanwendungen

Nicht drehungsfreie Seile erzielen in der Regel höhere Biegewechselleistungen als drehungsarme oder drehungsfreie Seile. Sie üben aber unter Last ein Drehmoment auf die Seilendverbindung aus.

Deshalb können nicht drehungsfreie Drahtseile nur verwendet werden, wenn die Seilenden dauerhaft gegen Verdrehen gesichert sind.

Nicht drehungsfreie Seile sind immer dann die richtige Seilauswahl, wenn die Eigenschaft »Drehungsfreiheit«, die nur drehungsarme Seile bieten können, nicht benötigt wird. Das ist für viele Seilanwendungen der Fall, wie beispielsweise bei Verstellseilen, Katzfahrseilen, Halteseilen oder Montageseilen.

Hinweis: Bei Kopplung von nicht-drehungsfreien Seilen, z.B. Halteseile oder Greiferschließseile, dürfen stets nur identische Seile gleicher Konstruktion, d.h. gleicher
Durchmesser, Schlagart und Gängigkeit verwendet werden (Abb. 78).
Das Koppeln unterschiedlicher Schlagrichtungen würde die Seile aufdrehen und so zerstören.

Abb. 78: Kopplung nicht drehungsfreier Seile

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